Autor: Uli Führe (nach Texten von Joachim Ringelnatz)
Viele Ringelnatz-Texte sind heute allgemein bekannt. Seine berühmtesten Gedichte wie „Bumerang“, „Die Schnupftabakdose“ oder „Die Ameisen“ haben längst den Weg in die Schulbücher geschafft.
Die von Uli Führe für seine Chorlieder ausgewählten Gedichte gehören in eine andere Kategorie.
Sie zeigen den Dichter von seiner feinsinnigen, sublimen Seite. Hier sind die Einfälle wie springende Flöhe. Was komisch beginnt, gewinnt unmerklich die Farbe der Melancholie, der Wehmut oder Trauer, so etwa in „Lebensabschnitt“, „Und ich glaubte doch es überwunden“, „Ich hab dich so lieb“ und „Wo ist der Mensch, den...“.
Stilistisch bewegt sich Führe weitgehend im Bereich der Popularmusik, einige Titel swingen aber auch im jazzigen Feeling. Sechs der zehn Sätze können sowohl in der gewohnten Besetzung SATB als auch mit geteilter Altstimme anstelle der Tenorstimme aufgeführt werden; die zweite Altstimme ist so geführt, dass sie von den Frauenstimmen ohne besondere Anstrengung bewältigt werden kann.
Führes Sätze sprühen vor Leichtigkeit. Sie eignen sich für den Schul- wie für den Konzertchor ausgezeichnet.
(Schweizer Musikzeitung, Juli/August 2009)
Während viele Stofflieferanten für junge Chöre sich deutscher und internationaler Hits bedienen und damit naturgemäß schneller auf Interesse stoßen als dies bei Original-Literatur der Fall ist, geht Uli Führe seit vielen Jahren unbeirrt den Weg der großen Chorkomponisten des 19. Jahrhunderts und hält die Verbindung zur Lyrik deutscher Dichter. Das bringt seinem Verlag zwar nicht den Tagesumsatz aktueller Pop-Arrangements, dafür alle Achtung und Chormusik ohne Verfallsdatum.
Dass die Ringelnatz-Chorsätze nicht für Krawattenträger mit Stock im Rücken taugen, dafür hat der Dichter selbst gesorgt. Wenn dann der Komponist in einem Gedicht wie ‚Morgenwonne‘ ein 100%ig stimmiges Swing Feeling entdeckt, dann müsste es mit dem dreibeinigen Tritonus zugehen, wenn daraus kein Hit mit Ohrwurmcharakter entstehen sollte.
Uli Führe hat die bekanntesten Texte des großen deutschen Schriftstellers, Kabarettisten und Malers, dessen Werke in der Nazizeit den Bücherverbrennungen zum Opfer fielen, umschifft, bis auf einen: ‚Ich habe dich so lieb‘. Der Herausforderung dieser 1928 entstandenen Vision zwischen privatem Glück und existentiellem Unglück musste er sich einfach stellen, dreistimmig für Sopran, Alt und Männerstimmen. Es entstand ein kleines Meisterwerk auf fünfeinhalb Seiten, das wie eine Sanduhr wirkt, fließend zwischen traditionellem homophonen Chorsatz und Unisono-Passagen. Am Beginn steht die zärtliche Unbedachtheit des dahin gesprochenen Satzes, der sich nie mehr wiederholen wird, die Metamorphosen erfährt und Bitterkeit und so floskelhaft abkadenziert wie das wirkliche Leben.
Über dieses Album könnte man lange Rezensionen schreiben wie über die beiden Vorgängerbände ‚Ukulala‘ und ‚Summa summarum‘. Besser ist es daraus zu singen. Und weil das Buch so geschmackvoll editiert ist mit einem sensiblen Vorwort von Jörg Ehni zu den Texten von Ringelnatz, kann man nur hoffen, dass die Kopierer abgeschaltet bleiben.
(Rezension in „Singen“, Zeitung des Schwäbischen Chorverbandes, März 2009)